Herrensex Presse

Herrensex Bewerbung
Herrensex 7″ Cover

Die wohl nebulöseste Band bei TCM – Herrensex aus Hamburg. Niemand weiß so Recht, wer sich hinter dieser Gruppe versteckt – ein Künstlerkollektiv, die aus der Presse bekannte Gruppe arbeitssuchender Hafenarbeiter (s. Anschreiben der AFA), gelangweilte Studenten (wo wir wieder beim Künstlerkollektiv wären)???

Eins ist klar, mit Ihrem Demotape (Auflage 5 Stück) & dem dazugehörigen Anschreiben haben Sie es auf die Startseiten diverser Onlineplattformen geschafft (WEB.DE, GMX.DE…). Nach nun fast 8 Monaten hat mir die Band weiter Aufnahmen und ein Pamphlet zugesendet. Sechs gnadenlose Kracher, an der Schnittmenge zwischen Hardcore und D-Punk. Titel wie “Angst vorm Amt”, “Punkrockordnungsamt” oder “Tanzjustiz” lassen wirklich keine Wünsche offen.

Und so sprechen sie unzähligen Menschen aus der Seele, wenn sie hysterisch “Wenn Punk nicht seine Ordnung hat, dann kann ich Nachts nicht schlafen” rufen – Wem geht es nicht so. In der postkapitalistischen Geselschaft, in der soziale Netze ausgehebelt werden, kann auch jeder die “Angst vom Amt” nachvollziehen… wenn Rechnschaft vorm Staat abgelegt werden muss. Unter dem Strich gibt es hier den Soundtrack zu einer verkackten Welt. Aber lesen Sie bitte selbst – Ihr Pamphlet

 

Adrettheit & Asozialität: Eine 7 minütige Punkoperette in 6 Akten

“Verehrte Zuhörer,

begeben Sie sich mit uns auf eine verstörende Reise durch verschiedene Eindrücke, Realitäten und Gesellschaftsschichten in 6 Akten. Im Fokus steht der Erkenntnisgewinn durch radikale Vergangenheitsbewältigung. Die folgenden Zusätze sollen einen einfacheren Zugang zum lyrischen Thema dieser EP ermöglichen.

Eigene Interpretationen der Texte sind ausdrücklich nicht erwünscht!

Es folgen chronologisch gelistete Erläuterungen bezüglich der Wendungen im Leben unseres Hauptprotagonisten, den wir im Folgenden nur als „adretten Herrn“ bezeichnen wollen.

* Die betuchten Jahre eines adretten Herrn

Bereits das Eröffnungssample lässt unseren Hauptprotagonisten, den „adretten Herrn“, zu Wort kommen. Man könnte auf einen Mann im gesetzten Alter mit hohem Bildungsstand schließen, wortgewandt, gesellschaftlich gut situiert und leicht überheblich.

Hier tritt jedoch ein anders gelagertes musisches Interesse zum Vorschein, ein subkultureller Konzertgang wird erwähnt. Die Art und Weise der Aussprache des anscheinend unbekannten Begriffs „Punk Rock“ verdeutlicht jedoch die Fremdartigkeit des Gesehenen. Obwohl Langeweile beim Beiwohnen des Ereignisses proklamiert wird, scheint dennoch ein zögerliches Interesse geweckt worden zu sein.

Im Verlauf des 1. Titels wird in den Versen zwar auf Aktivitäten einer elitär gestellten Oberschicht und deren dazugehörigem Lebensstil verwiesen, viel wichtiger scheint jedoch zu sein, was im selben Moment ausgespart wird: Trotz mustergültigen Freizeitaktivitäten und reichlich vorhandenem Kapital, scheint der Refrain Andeutungen auf „betuchte“ Ereignisse in diesem Leben zu machen, über die ein Mantel des Schweigens gebreitet werden soll. Musikalisch wird dies verstärkt durch dunkle Keyboard-Schichten. Schon hier ist eine Doppelidentität bzw. bipolare Persönlichkeit des Protagonisten angedeutet.

In der letzten Strophe steigert sich die Musik zu einer Kakophonie, die einen Ausbruchsversuch aus bestehenden Verhältnissen andeutet, als Resultat des Eingeständnisses einer bröckelnden Fassade des „adretten Herrn“. Die Gegebenheiten seiner bestehenden sozialen Stellung werden hinterfragt. Agieren statt Akzeptieren?

*Telefonbuch Tokio

Exotisch suggerierte Impressionen deuten in Richtung Osten, genauer gesagt ins Land der aufgehenden Sonne. Ein Zeichen des Aufbruchs zu neuen Ufern und dem Sammeln unverbrauchter kultureller Eindrücke und Lebensweisen? Weg vom Materialistischen und hin zum Menschlichen? Nicht ganz. Obwohl die Trillerpfeife als Ansporn den Startschuss in ein neues Leben einläuten soll, können hier doch nicht alle Reißleinen gekappt und bestehende Verhaltensmuster aufgebrochen werden. Die Tatsache, dass aufgrund der vergessenen Nahrungsaufnahme schon im Vorfeld der Schwung zum Ausbruch genommen wird, lässt sich als Sättigungseffekt und fest implementiertes, eingefahrenes Verhaltensmuster begründen. Mit leerem Magen kann man kein Abenteuer begehen und schon gar keinen kompletten Neustart. Selbstzweifel, Ausreden und Betrug an der eigenen Person? Ebenso wie die tumbe Verballhornung „Chungs“ und das behäbige Durchwälzen des kompletten Telefonbuchs der Stadt Tokio (wir scheinen uns noch nicht im Internetzeitalter zu befinden), anstelle des spontanen Aufbruchs ohne Anlaufstelle.

Interessant wird es jedoch, als die beabsichtigten Vorhaben am nicht-Auffinden der „Bekannten“ scheitern, da diese nicht im Telefonbuch Tokio vermerkt sind sondern sich durch das hindernde Element des „adretten Herrn“, der Essensaufnahme, hier in Form von Bomben, in die Luft sprengen. Auch das Telefonbuch Tokio selbst wird durch Verzehr ausgelöscht. Eliminierung vermeintlicher Hindernisse und des alten Ichs. Verwischen von bestehenden Spuren, ja, der kompletten Existenz. Hier treten die ersten mentalen Interessenkonflikte auf, die der Protagonist auszufechten hat. Schattenboxen mit sich selbst und der Frage, in welche Richtung sich sein weiteres Leben entwickeln wird. Die voranpreschende Musik im waghalsigen Tempo befeuert den Aufbruch, das Scheitern, die Erkenntnis und die Radikalität in Sekundenbruchteilen. Denk oder stirb!

*Angst vorm Amt

Das einläutende Sample gleicht einem Gespräch aus der Vergangenheit. Dieses vernimmt der „adrette Herr“ in seinem Inneren und fühlt sich in seine Jugend rückversetzt, die ein furchtbares Geheimnis birgt, welches er jedoch tief in seinem dekadenten Ich hinter weltmännischem Gebaren verbarg. Der Schulabschluss vom Geld des schwerreichen Vaters erkauft, ebenso die vermittelte Lehrstelle zur Formung des Charakters, welche doch nur achtlos in den Wind geschossen wurde. Stets bewusst, selbst nichts leisten zu müssen, und mit der Aussicht auf ein allumfassendes Erbe.

Die Angst vorm Amt ist somit Synonym für die Angst, aus eigener Kraft absolut nichts leisten zu können. Hier trifft Vergangenheit auf Gegenwart, denn der Aufbruch des „adretten Herrn“ in ein neues Abenteuer, ist sein tatsächlicher Gang zum Amt. Wohin die Millionen und der soziale Status? Man weiß es nicht genau. Verschuldet durch ein ausschweifendes Leben, verspielt oder verschenkt im Zuge der neu entdeckten Radikalität?

Es wird Zeit, sich den harten Gegebenheiten des Alltags zu stellen und seine Brötchen selbst zu verdienen. Etwas zu erschaffen mit eigenen Händen und purem Glauben an sich selbst. Zum ersten Mal ist er sich bewusst, dass er seine angeborene Gesellschaftsschicht verlassen hat. Und das neue Leben behandelt ihn nicht grade rosig. Musikalisch wird hier im Refrain ein tosender Wellengang der Gefühle gezeichnet. Auf und Ab, schnell und langsam. Zudem die strenge, triezende, ermahnende Stimme des „Sachbearbeiters“, die unseren Protagonisten verhöhnt, antreibt und verängstigt und ihm seinen eigenen Vater ins Gedächtnis ruft. Trotz Bemühungen wird ihm keine berufliche Perspektive von Seiten des Amts in Aussicht gestellt. Die Metamorphose zum Punkrock ist in vollem Gange. Obrigkeitshass, Staatsmisstrauen und Perspektivlosigkeit befeuert durch Alkohol und gefeierter Andersartigkeit durch Selbstbestimmung katapultieren den „adretten Herrn“ in einen wahren Sinnesrausch.

*Punkrockordnungsamt

Die Sinnlosigkeit und die fehlende Daseinsberechtigung einer Bewegung, die bereits 1978 ihren Höhepunkt erreicht hatte, wird hier schon im Vorspiel verdeutlicht und ad absurdum geführt. Dogmatische Darstellungen von Punk und Gleichstellung mit den verhassten Rhythmen des Systems. Zermürbende Einflüsse von außen. Nichts für die soeben gewonnene Freiheit im selbstdefinierten „Tu was du willst“ Ethos unseres Protagonisten. Rebellion gegen die Rebellen und Finden des eigenen Weges? Einzelne Akkorde und ein simpler Beat implementieren das stumpfe Voranschreiten der Vereinnahmung subkultureller Gegenkulturen durch selbsternannte Anführer und Meinungsbilder, die zu wissen vorgeben, wie Punkrock aktuell zu sein hat. Widerstand dem Widerstand. Vorwärts, Rückwärts oder wie jetzt? Der „adrette Herr“ ist verwirrt. Nicht nur er.

*Wo geht es hier zu den Kammerspielen?

Hier hält der Wahnsinn vollends seinen Einzug in die Gedankenwelt unseres Protagonisten. Aufeinanderprallen alter Verhaltensmuster im Gegensatz zu neu gewonnenen Eindrücken. Außenseitertum in der Obrigkeit sowie bei den Außenseitern. Aufarbeitungen von elterlichem Antisemitismus, gesellschaftlichen Verpflichtungen und totale Orientierungslosigkeit. Alte Bekannte mit merkwürdigem Einfluss. Selbstdarstellung und Zurückgezogenheit. Hier schreit der pure Sarkasmus aus jedem der beiden Refrains. Beeilung um den Anfang vom Wiedereintritt in das alte Leben nicht zu verpassen, um doch wieder Anschluss zu finden? Oder die Parodie des gesellschaftlichen Müßigganges? Selbstzweifel und ein heruntergespielter Ödipuskomplex, in dem genauso gut die Wurzel seines Unheils liegen könnte, wie in allen anderen äußerlichen Umständen zusammen. Es geht dem Ende zu und der „adrette Herr“ muss nun Position beziehen.

*Tanzjustiz

Ironische Persiflage von Kleidungskodexen und äußerlicher Wahrnehmung.

Der „adrette Herr“ weiß, wo er steht und was zu tun ist. Der Hass an der gut situierten Elite der Spaßgesellschaft, die von ihm als hirnlose Phagozyte deklariert wird, nimmt überhand und entlädt sich hier in einem Inferno und dem Verantwortungsbewusstsein, dadurch mehr als nur einen „Job“ zu erledigen. Nägel mit Köpfen, aber ohne Haare und so. Durch Ansprechen des „Gesetzes“ werden wieder gesellschaftliche Strukturen angedeutet, jedoch heiligt hier der Zweck die Mittel, wie erlerntes Grundwissen aus einer anderen Zeit. Am besten verdeutlicht wird hier die Zerrissenheit und die gesellschaftliche Schichtwanderung in der Textstelle „Das Bier voller Blut“. Blaues Blut in Arbeitersekt. Erhöhte musikalische Brutalität hinter den Zeilen des Refrains untermauern die Verachtung und den Hass und Erzeugen so eine intensive Unterstreichung der zuvor getätigten Aussagen.

Die Rhythmik der Strophen persifliert die lyrische Aussage an sich, lässt aber auch die Option zum „Tanzen“ zu.

Am Ende muss sich jeder Hörer die Frage stellen: Auf welcher Seite stehst du?”