Die Nerven Press

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“”FUN” ist 36 Minuten und sechs Sekunden lang und eine der wichtigsten und besten deutschsprachigen Platten dieses Jahrzehnts. Bitte jetzt keinen blöden, entsprechenden Sticker auf die CD kleben, sondern weiterlesen: Du magst Sonic Youth, Pixies, frühe Surrogat, The Jesus Lizard, frühe Wipers, Kolossale Jugend, Shellac, Mutter und Joy Division sowie schabenden, zerrenden, quälenden, aber gleichzeitig euphorisierenden Noise Rock und Ich-habe-zwar-noch-Geld-aber-kein-Leben-mehr-Punk im Allgemeinen? Dein Alltag fühlt sich schal und faltig an, du willst einerseits noch mehr Sex und was zu essen, andererseits ist es dir egal, ob sie dich morgen oder Donnerstag tot vom Straßenrand fegen wie ein überfahrenes Tier? Du studierst aus Langeweile, aber hasst die Dummheit deiner Kommilitonen und willst, dass sie an Malaria oder am Dengue-Fieber verrecken? Du liebst Gaspar Noés “Menschenfeind”, aber auch Alizée, deinen Hund und ein altes Stück Holz, das dir irgendeine Ex-Freundin zum sechsmonatigen Jubiläum schenkte, bevor sie dich verließ? Du hast die Blumfeld-Single “Ghettowelt”, aber musst beim Zahnarzt weinen? “FUN”, die genau genommen nicht erst zweite, sondern fünfte Platte von Die Nerven – auch bekannt durch das brillante DJ-Ötzi-Cover “Ein Stern ( … der deinen Namen trägt)” – sind ab jetzt dein Schmerz, deine Last und dein Vertrauen!” SPON – (9.0) Jan Wigger

Fick dich Alter! Das hier ist also dieses schwierige zweite Album? Eineinhalb Jahre nach ihrem viel gelobten Debütalbum „Fluidum“ geht es scheinbar sorglos da weiter, wo sie, nicht zuletzt gerade auch Live reichlich erprobt, eh` schon ein kurzen Stopp eingelegt hatten.  Alles beim Alten also?

Nun, der mit „Fluidum“ etwas unfreiwillig gesetzte Stempel der 80er Jahre wird auf „Fun“ mit etwas Spucke leicht abgerubbelt – „Fluidum“ war eigentlich gar nicht als direkte Reminiszenz gedacht, sondern entstand mehr zufällig als der Sound, der rauskam, als sich die drei Jungs aus Süddeutschland im Proberaum trafen, und das mit recht bescheidenen Mitteln statt einem Masterplan in der Tasche.

Also, was ist jetzt anders auf „Fun“? Die Drei machen immer noch ablehnenden, noisigen Garagensound, direkt und ehrlich, Post-Punk-Pamphlete als Gesang und als zentrale Themen die Langeweile, die Sehnsucht & die Angst. Das Unbequeme macht die Band immer noch interessant, in 2014 ist man ja nun auch wirklich satt genug von glattgebügelten Produktionen.

“Alles wie gehabt, nichts hat sich verändert” skandiert Julian, der auf “Fun” deutlich mehr Gesangparts übernimmt. Der altbewährte Nerven Sound wird ausgebaut durch  mehr Experimente mit Hall und etwas melodischen Gesang. Aber radikale Neuerung ist auch gar nicht nötig, um die hypnotischen Twen-Depressionen bunt anzumalen. Und ein Pop-Chamäleon hat ohnehin niemand erwartet.

Vielmehr gräbt die Band sich noch tiefer ein, ein Stellungskrieg gegen Alles da draußen. Der Überhit heißt passenderweise “Angst”, ungewohnt melodisch, versehen mit klassischer New Wave/Post-Punk-Akkordfolge, man kann hier nicht mehr unterscheiden, ob Sänger Julian sich als Außenseiter inszeniert, oder ob er einfach einer ist.

Für Fans von (jeweils frühen) Mission Of Burma, Bauhaus, Swans, Abwärts: man muss ein Faible haben für stumpfe Rhythmen, hypnotischen Krach und repetitiven, aber nicht unmelodischen Skandieren deutscher Texte. Bis hin zum Cover-Artwork konsequent weitergemacht! Ach ja: Inzwischen ist man die erste deutschsprachige Band auf Amphetamine Reptile Records, einem Label von dem die drei Bandmitglieder zum ersten Mal  in ihrem ersten Platteninfo gehört haben – als Soundrefferenz, soweit zur oben genannten Huldigung der alten Helden.

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Album Cover
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